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Der Kampf um die Straße

Eine visuelle Analyse von 15699 Fahrradunfällen in Hamburg von 2011 bis 2016, die mit Hilfe von Datenvisualisierungen zeigt, wer für die Unfälle verantworlich ist und welche Ursachen es gibt. Außerdem wird die geografische Verteilung dargestellt.

von Manuel Reitz

FAHRRADSTADT HAMBURG

Das Fahrrad wird in Zukunft ein immer wichtigeres Verkehrsmittel werden. Städte wie Kopenhagen gehen dabei mit gutem Beispiel voran. Auch Hamburg will Fahrradstadt werden, das rief der Senat im Jahr 2015 aus und setzte das Ziel, den Anteil des Radverkehrs im Laufe der »zwanziger Jahre« auf 25 Prozent zu verdoppeln.

Doch bereits jetzt ist es eng in Hamburg, Autos, LKW und Fahrradfahrer kämpfen um den Platz auf der Straße. Der Fokus liegt auf dem Autoverkehr, die Verkehrswege sind nicht gut genug an Fahrräder angepasst, so dass viele Verkehrsunfälle passieren, bei denen oft die Fahrradfahrer die Leidtragenden sind. Denn die Verletzungsgefahr als Fahrradfahrer ist deutlich höher als die anderer Verkehrsteilnehmer.

Um das gesetzte Ziel zu erreichen und zur Fahrradstadt zu werden, ist in Hamburg eine deutlich verbesserte Infrastruktur notwendig, um insbesondere die Verkehrssicherheit für Radfahrer zu erhöhen.

15699 UNFÄLLE IN FÜNF JAHREN

Die Hamburger Polizei nahm von 2012 bis 2016 über 3000 Unfälle mit Fahrradbeteiligung pro Jahr auf. Eine Analyse der Unfälle im Hinblick auf die Hauptverursacher sowie die Unfallursachen bringt Aufschluss darüber, wie diese entstanden sind und wie sie sich vermeiden lassen.

WER IST SCHULD?

Für nahezu die Hälfte der Unfälle mit Fahrradbeteiligung sind Autofahrer verantwortlich, für 48,4%. Aber auch Fahrradfahrer sind nicht unschuldig, sie verursachen 39,9% der Unfälle. Die durch LKW verursachten Fälle betragen zwar »nur« 4,1%, dafür sind diese Fälle oft besonders schwer – an 36,4% der tödlichen Radunfälle sind LKW Schuld.

URSACHEN BEI AUTOFAHRERN?

Je nach Verkehrsteilnehmer sind die Gründe für die Entstehung der Unfälle unterschiedlich. Bei PKW sind die häufigsten Ursachen: Fehler beim Abbiegen (1), Nichtbeachten der Vorfahrt regelnden Verkehrszeichen (2) sowie Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr (3)

Mehrfachnennungen möglich

URSACHEN BEI FAHRRADFAHRERN?

Bei den durch Radfahrer verursachten Unfällen dagegen zeigen sich andere Unfallursachen: Die Benutzung der falschen Fahrbahn (1) und das Missachten von Ampeln (2) sind die am häufigsten auftretenden Gründe. Dazu kommen Fehler beim Einfahren in den fließenden Verkehr (3) und das Fahren unter Alkoholeinfluss (4).

Mehrfachnennungen möglich

UNFALLURSACHEN

Die Gründe für Unfälle sind hauptsächlich eine Reihe von Fahr- und Verhaltensfehler. Diese sind bei Radfahrern und ihren Unfallgegnern unterschiedlich.

Wählen Sie die Verkehrsteilnehmer aus, um die Unfallursachen zu untersuchen.

GEOGRAFISCHE VERTEILUNG

Neben der Analyse der Ursachen ist auch die geografische Verteilung der Unfälle interessant. So lässt sich einerseits im Gesamtüberblick eine Konzentration auf die Innenstadtbezirke erkennen, andererseits sind im Detail Schwerpunkte auszumachen, an denen besonders häufig Unfälle passieren.

UNFALLSCHWERPUNKT BAHNHOF DAMMTOR

Der Theodor-Heuss-Platz vor dem Bahnhof Dammtor gehört zusammen mit der Straße Alsterglacis und der Kennedybrücke in direkter Umgebung zu einem der Orte mit den meisten Unfällen in Hamburg.

Wählen Sie einzelne Unfälle aus, um sich Details anzeigen zu lassen.

INTERAKTIVE KARTE

Mit Klick auf den Button lässt sich die geografische Verteilung der Unfälle selbst erkunden. Dabei stehen rot-gefüllte Kreise ( ) für Unfälle mit Getöteten, rot-umrandete Kreise ( ) symbolisieren Unfälle mit Schwerverletzten und weiße Kreise ( ) für die Sonstigen. Per Klick auf den Unfall lassen sich die Details zum jeweiligen Fall anzeigen.

BESSERE INFRASTRUKTUR = WENIGER UNFÄLLE

Fahrradmobilität leistet einen wichtigen Beitrag, um Großstädte zu einem lebenswerten Ort zu machen. Die Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs hilft beim Klimaschutz und sorgt für bessere Luft und weniger Verkehrschaos. Bereits seit 2007 gibt es eine »Radverkehrsstrategie für Hamburg« mit umfangreichen Maßnahmen, die im Koalitionsvertrag von 2015 noch ausgeweitet wurden. Ziele sind etwa der Ausbau von Infrastruktur, die Verbesserung des Fahrradklimas und die Erhöhung der Verkehrssicherheit. Kritisiert wird jedoch, dass die Pläne wenig Verbindliches und keine genauen Zeitpläne enthalten.

Beim Fahrradklima Test 2016 des ADFC, bei dem Fahrradfahrer abstimmen konnten, wie fahrradfreundlich ihre Stadt ist, nimmt Hamburg mit der Note 4,2 nur einen traurigen 31. Platz von 39 deutschen Großstädten ein. Besonders negativ bewertet wurde die mangelnden Falschparkerkontrollen auf Radwegen, die schlechte Verkehrsführung an Baustellen sowie die Breite der Radwege. Die FDP spricht von einer »schallenden Ohrfeige für die rot-grüne Fahrradpolitik«. Es finden sich aber auch positive Tendenzen, so schneidet die »Fahrradförderung in letzter Zeit« im Vergleich zu anderen Städten sehr gut ab.

Dennoch zeigt dies deutlich, dass noch viel passieren muss. Das Ziel, den Anteil des Radverkehrs im Laufe der 2020er Jahre auf 25% zu erhöhen, ist wichtig und richtig. Um das zu erreichen, ist eine für Fahrradfahrer deutlich verbesserte Infrastruktur erforderlich, um ins besondere die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Die Daten der Verkehrsunfälle zeigen deutlich, dass Radfahrer besonders gefährdet sind.

Anteil der Fahrradunfälle an allen Unfällen sowie den Getöteten,
Schwerverletzten und Leichtverletzten

Sicherlich lässt sich ein Teil der Unfälle auf mangelhafte Infrastruktur und undeutliche Verkehrsführung zurückführen, die die Entstehung von Unfällen begünstigt. Laut Unfallforschern gibt es ein gutes gesetzliches Regelwerk, das aber nicht konsequent angewandt wird. So werden oft die festgelegten Breiten für Radwege nicht eingehalten. Dazu kommen Radwege in schlechtem Zustand oder geteilte Wege mit Fußgängern oder Radfahrern aus der Gegenrichtung. Unbedingt notwendig ist ein für Radfahrer durchgängiges Wegenetz sowie eine eindeutige und verständliche Radverkehrsführung. Solange die Straßen vornehmlich auf den Autoverkehr angepasst ist und Radfahrer nur auf Restflächen verwiesen sind, werden Radfahrer Regeln brechen, um effizienter unterwegs zu sein.

Eine bessere Infrastruktur schützt vor Konflikten von Verkehrsteilnehmern, aber natürlich lassen sich die Missachtungen der Straßenverkehrsordnung nicht damit entschuldigen. Es ist notwendig, dass Verkehrsteilnehmer die Verkehrsregeln besser einhalten, vor allem vor dem Hintergrund, dass es immer voller wird auf den Straßen. Abschließend lässt sich sagen, dass alle ihren Teil dazu beitragen müssen, sowohl die Verkehrsteilnehmer als auch die Politik und Stadtplanung, um Hamburg zur Fahrradstadt zu machen.